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Warum wir auf Vertrauensarbeitszeit setzen

10/3/2026

Wir arbeiten in unseren Laufbahnen maßgeblich mit Vertrauensarbeitszeit. Heißt: kein Gleitzeitkonto als Führungsinstrument, keine minutengenaue Steuerung über Mehr- und Minderstunden. Die gesetzliche Arbeitszeiterfassung erfüllen wir selbstverständlich. Aber wir haben uns bewusst gegen ein Modell entschieden, das die aufgewendete Zeit zum zentralen Steuerungsinstrument macht. Warum, haben wir im Folgenden dargestellt.

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Kultur

Zeit als Maßstab: eine historische Fehlallokation

Die Idee, Arbeitsleistung über Zeit zu messen, hat ihren Ursprung in der industriellen Produktion des 19. Jahrhunderts. In einer Fabrik war der Zusammenhang zwischen aufgewendeter Zeit und produziertem Output annähernd linear. Wer acht Stunden am Webstuhl stand, produzierte doppelt so viel Stoff wie jemand, der vier Stunden am Webstuhl stand. Zeit war ein verlässlicher Proxy für Wertschöpfung.

Gleitzeitkonten, Überstundenregelungen und Arbeitszeiterfassungssysteme sind die organisatorischen Derivate dieser Grundannahme. Sie funktionieren, solange die Grundannahme trägt. In unserer modernen Wissensarbeit trägt sie – so unsere Überzeugung – nicht mehr.

Warum der lineare Zusammenhang in der Wissensarbeit nicht gilt

In der Steuerberatung – wie in jeder Form von Kopfarbeit – variiert die Produktivität pro Stunde zwischen verschiedenen Menschen nicht marginal, sondern um ein Vielfaches. Jeder, der in der Beratung gearbeitet hat, kennt das Phänomen: Eine Kollegin durchdringt einen komplexen Sachverhalt in einer Stunde und liefert eine präzise, mandantengerechte Lösung. Ein Kollege benötigt für denselben Sachverhalt vier Stunden – und das Ergebnis ist trotzdem weniger überzeugend.

Ein Gleitzeitkonto behandelt beide Situationen gleich – oder schlimmer: Es belohnt die zweite. Vier Stunden werden als vier Stunden verbucht, eine Stunde als eine Stunde. Das System registriert Input, nicht Output. Es misst Aufwand, nicht Wirkung. Damit setzt es einen Anreiz, der dem Interesse des Unternehmens und des Mandanten diametral entgegenläuft: Langsamkeit wird nicht bestraft, Schnelligkeit wird nicht belohnt.

Dieses Problem ist nicht trivial. Es betrifft die Grundlogik, auf der Arbeitsorganisation aufbaut. Wenn die aufgewendete Zeit kein verlässlicher Indikator für den erzeugten Wert ist, dann ist jedes System, das Zeit als zentrales Steuerungsinstrument nutzt, systematisch fehlkalibriert.

Der Multiplikator-Effekt und seine Konsequenzen

Die Varianz in der Produktivität pro Stunde wäre bereits Grund genug, die Zeitlogik zu hinterfragen. Aber es kommt ein zweiter Effekt hinzu, der die Problematik verschärft.

Reed Hastings, Mitgründer von Netflix, argumentiert, dass ein herausragender Mitarbeiter in kreativen und wissensbasierten Berufen nicht zehn Prozent mehr Output erzeugt als ein durchschnittlicher Mitarbeiter, sondern ein Vielfaches. Netflix zahlt deshalb bewusst über Markt – nicht aus Großzügigkeit, sondern weil die ökonomische Logik es gebietet. Ein einzelner herausragender Analyst, der mit den richtigen Werkzeugen arbeitet, kann den Output eines ganzen Teams übertreffen.

Wenn das stimmt – und unsere Erfahrung bestätigt es – dann ist die Konsequenz für die Arbeitsorganisation fundamental: Es geht nicht darum, wie viele Stunden jemand arbeitet. Es geht darum, wer arbeitet und wie effektiv diese Person ihre Zeit einsetzt. Ein System, das alle über dieselbe Zeitmetrik steuert, ignoriert diese Realität. Es behandelt eine hochproduktive Stunde und eine unproduktive Stunde als äquivalent. Das ist ökonomisch irrational.

Regeln und Talentdichte: ein inverser Zusammenhang

Netflix hat sämtliche Urlaubs-, Reise- und Spesenrichtlinien abgeschafft. Die gesamte Reisekostenrichtlinie besteht aus fünf Wörtern. Die Urlaubsrichtlinie aus zwei. Das klingt nach einer netten Geste. In Wahrheit steckt dahinter ein strukturelles Argument.

In den meisten Organisationen entstehen Regeln als Reaktion auf Fehlverhalten Einzelner. Jemand missbraucht eine Freiheit, also wird eine Richtlinie eingeführt, die für alle gilt. Marc Randolph, Mitgründer von Netflix, beschreibt die Folgedynamik: Die besten Mitarbeiter – diejenigen, die die Regel nie gebraucht hätten – empfinden sie als Einschränkung und Bürokratie. Sie werden unzufrieden. Und irgendwann gehen sie. Zurück bleiben die Mitarbeiter, für die die Regel geschaffen wurde. Die Talentdichte sinkt. Also braucht man noch mehr Regeln.

Der Zusammenhang ist invers: Je mehr Regeln eine Organisation hat, desto niedriger ist tendenziell ihre Talentdichte – und je niedriger die Talentdichte, desto mehr Regeln braucht sie. Hastings zieht daraus den Umkehrschluss: Wenn man die Talentdichte hoch genug hält, kann man Regeln eliminieren. Nicht weil Regeln grundsätzlich schlecht sind. Sondern weil sie in einem Umfeld mit hoher Talentdichte keinen Mehrwert schaffen – und aktiv Schaden anrichten, indem sie die besten Menschen vertreiben.

Das Gleitzeitkonto ist eine solche Regel. Es schafft dort Mehrwert, wo Menschen Orientierung brauchen. Es schadet dort, wo Menschen eigenverantwortlich handeln können und wollen.

Statt Leistung und Vergütung an Stunden zu messen, wollen wir Impact, Judgement, Communication, Execution, Growth und Values fokussieren – die sechs Kriterien unserer leistungsbezogenen Vergütung. Die gesetzliche Arbeitszeiterfassung bleibt davon unberührt. Was sich ändert, ist das Führungsinstrument: nicht die Stunde, sondern das Ergebnis.

Eine praktische Anmerkung

Natürlich sind die obigen Ausführungen kontextual zu betrachten. Sie stellen ein Idealbild dar, auf welches wir hinarbeiten. Es gibt jedoch auch Positionen, bei denen wir nach Stunde bezahlen – beispielsweise Werkstudententätigkeiten. Das ist keine Frage der Wertschätzung – es ist eine Frage der Passung. Dort, wo Aufgaben planbar und wiederkehrend sind, ist das Gleitzeitkonto das richtige Instrument. Dort, wo die Erwartung an Eigenverantwortung, Urteilsvermögen und Ergebnisorientierung steigt, wird es zum Hindernis.

Selbstverantwortung als Prinzip

Vertrauensarbeitszeit verlagert Verantwortung. Ohne ein Gleitzeitkonto als Steuerungsinstrument liegt die Organisation der eigenen Arbeit stärker beim Einzelnen: Wann sind Pausen sinnvoll? Wie verteile ich meine Energie über die Woche? Wann brauche ich Regeneration, um nachhaltig produktiv zu bleiben? Das ist eine Kompetenz, die wir voraussetzen. Und eine Verantwortung, die wir einfordern. Wer dauerhaft über der Belastungsgrenze arbeitet, liefert keine nachhaltigen Ergebnisse. Das wird in der quartalsweisen Leistungsbeurteilung sichtbar und adressiert.

Und wir sind ehrlich über die Kehrseite: Freiheit ohne Konsequenz ist Beliebigkeit. Wer die Vertrauensarbeitszeit nicht im Sinne des Unternehmens und der Mandanten nutzt, wird damit konfrontiert. Unser Modell funktioniert dann, wenn wir bereit sind, beides zu leben: das Vertrauen und die Konsequenz beim Bruch dieses Vertrauens.

Was das für Bewerberinnen und Bewerber bedeutet

Wer sich bei Vogel bewirbt, bewirbt sich in einem Unternehmen, in dem nicht die aufgewendete Zeit, sondern das erreichte Ergebnis im Mittelpunkt steht. Wir messen Wirkung, nicht Anwesenheit. Wir wollen über Kontext steuern, nicht über Kontrolle. Und wir erwarten von unseren Mitarbeitern, dass sie die Freiheit, die daraus entsteht, eigenverantwortlich und im besten Interesse aller Beteiligten nutzen.

Wenn das dem eigenen Anspruch an ein Arbeitsmodell entspricht, freuen wir uns auf die Bewerbung.

/ Vogel Journal

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